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Woche 5

Bild7

Liebe Leser,

heute Morgen stand ich auf der Waage. Meine Augen waren ein wenig angeschwollen, ich wusste also, ich habe gerade zuviel Wasser im Körper. Meine Waage wird mehr anzeigen, als mir lieb ist, das war mir bewusst. Ich wappnete mich – doch sie zeigte so viel mehr an, dass ich innerlich zusammenbrach. Wo ist meine Selbstdisziplin, wenn ich sie mal ernsthaft brauche? Wie fett kann man eigentlich sein? Glaubt mir irgendein Leser überhaupt irgendetwas, wenn ich Kleidergröße 42/44 (!!) trage?

Das gibt’s doch einfach gar nicht, ich wirke dick, ich habe Speckrollen am Rücken, mein Gesicht ist rund. Ich war viele Jahre hindurch schlanker, aber habe ich mich da besser gefühlt? Nein. Jetzt aber sehe ich tatsächlich so aus, wie ich mich immer fühlte. Ich bin, seit ich Kind war, immer auf „Dünnsein“ gedrillt worden. Ich habe mich immer dafür geschämt, mein Essen nicht wirklich im Griff zu haben, vor allem aber dafür, nicht so zu sein, wie meine Eltern es gerne gehabt hätten. Ich hätte so gerne diesen stolzen Blick in den Augen meiner Eltern bemerkt – ich bekam ihn, das schon. Durch Leistung zwar, aber ich bekam ihn. Aber niemals für mein Aussehen. Ich werde nie vergessen, wie ich einmal eine zauberhaft schöne Mitschülerin in der Pause fragte, wie sie so einen wunderschönen Körper erhalten könne. Sie lachte und sagte zwei Worte: „Nix essen“. Ich weiß noch heute, wo wir standen und auch ihren Namen. Wir waren 12 Jahre alt und ich wusste schon damals, ich könne mich niemals an ihr so einfaches Erfolgsrezept halten. Wochenweise schon. Auch mal für einen Monat. Wenn ich unglücklich verliebt war zum Beispiel, was oft vorkam, dann wurde ich dünner. Aber war das ein funktionierendes Konzept?

All das schoss mir durch den Kopf, als ich heute Morgen auf der Waage stand und mich schlecht fühlte. Und ich erkannte, das ist die Kleine in mir, die noch immer versucht, diesen Lebensbereich zu kontrollieren und endlich schön zu werden. Mein Inneres Kind, das immer hungrig ist und am besten durch Zucker besänftigt werden kann, so ist das nun mal. Doch statt sie mitfühlend in den Arm zu nehmen, verurteile ich mich scharf und mache die Sache dadurch noch schlimmer. Und eigentlich tue ich genau das, was ich in allen anderen Lebensbereichen erfolgreich verändert habe: ich bade mich in Selbstmitleid. Bin ich esssüchtig? Ja, das ist keine neue Information, ich habe viel darüber geschrieben. Gehe ich zu den Anonymen Esssüchtigen? Im Moment nicht. Esse ich abstinent, enthalte ich mich des Zuckers und es übermäßigen Essens? Nein. Was also soll das Gejammer? Ich nutze die Werkzeuge nicht, was erwarte ich? Immer noch die Blitzabnahme, die über Nacht geschieht und bei der ich am nächsten Morgen auf einmal wieder in Ordnung bin, als wäre das Fett nur ein Fehler, der leicht ausradiert werden kann? Ehrlich gesagt ja und ich bin jeden Morgen irgendwie enttäuscht, dass sie nicht stattgefunden hat, diese Korrektur. Das ist süchtiges Denken. Nun, mein Fett ist das vollkommen logische Ergebnis meines Essverhaltens, so einfach ist das. Ich habe mir Größe 42/44 angegessen, ob mir das gefällt oder nicht und egal, wie sehr ich mich auch dafür schämen mag. So ist das nicht bei jedem, aber bei mir schon.

Ich bade also nicht nur in Selbstmitleid, sondern ich übernehme auch keine Verantwortung für meinen Zustand. Ich weiß, wie sehr es mir spirituell und emotional schadet, ein paar Kilos zuviel zu wiegen. Ich weiß es wirklich. Meine Leichtigkeit, mein gutes Gefühl für mich selbst, sogar meine Sexualität sind stark gedämpft, wenn ich zuviel wiege. Kann ich das durch Gedankenkraft ändern? Nein. Das ist auch nicht sinnvoll. Sinnvoll ist es, eine Inventur zu schreiben und die Verantwortung für das zu übernehmen, was ich ändern kann, in Frieden mit dem zu kommen, was ich nicht ändern kann und beim Schreiben die Weisheit zu erlangen, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Und das möchte ich dir, lieber Leser, als Fastenspeise anbieten:

Wahrhaftigkeit. Selbstverantwortung. Aufrichtigkeit, auch wenn es weh tut. Denn dazu dient all das Gewicht: es will angeschaut werden, vor allem aber will das Verhalten, das dazu geführt hat, angeschaut werden. Wo sorgst du nicht gut für dich? Auf welche Weise übergehst du dich, wieso meint dein Inneres Kind, es müsste mehr essen, als dein Körper braucht? Wo gibst du mehr, als gut für dich ist und wo hältst du dich aus Angst selbst im Zaum, anstatt das Leben mutig bei den Hörnern zu packen? Übergewicht hängt meistens mit Vermeidung zusammen, mit Festhalten. Was willst du nicht spüren? Welche Emotionen kleben an dir, sind in dem Übergewicht gespeichert, damit du sie nicht fühlen musst?

Und das frage ich mich gerade. Woran halte ich fest? Nun, das ist einfach. Ich halte an der Idee fest, ich verhungere, wenn ich mich nicht vollstopfe. Angenehmes Sattsein reicht meinem Körper nicht, er muss voll sein, damit er Sicherheit spürt. Er hat seine Gründe. Ich werde heute fasten. Gedanklich. Ich werde diese Idee nicht zu mir nehmen. Stattdessen werde ich „Ich bin wohl genährt und ich bin in Sicherheit“ verspeisen. Das stimmt nämlich beides, zumindest für heute. Für jetzt. Heute brauche ich nicht mehr zu essen, als nötig, denn morgen wird immer noch genug da sein, zumindest sieht es im Moment so aus. Und mehr als diesen Moment haben wir alle nicht.            

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