„Das Leben ist viel zu schön, um es mit Hungern zu verbringen“

– hatte mir damals eine junge Frau geschrieben, die ihrerseits eine Magersucht überwunden hatte, und ich wollte das gern glauben, aber zu dem Zeitpunkt war ich verstrickt in ein Spinnennetz aus Nichtessen, Kalorien zählen und abnehmen müssen.

Ich war magersüchtig, alles in allem mehr als ein ganzes Lebensjahrzehnt. Ich hungerte. Anfangs, weil ich dünn sein wollte, später, weil ich nicht mehr aufhören konnte. Ständig war ich auf der Suche: nach Leben, nach Sinn und nach Anerkennung.

Eines Tages, als ich die Bedingungen, die ein weiteres Abnehmen erforderte, nicht mehr erfüllen konnte, weil ich das ständige Frieren, das Schwächer werden nicht mehr aushielt, fasste ich einen Entschluss: Ich will eines Tages wieder Mahlzeiten genießen, nicht Zahlen von Kalorien“.

Es war ein weiter Weg bis zu diesem Ziel. Ein Weg aber, der aus heutiger Sicht alle Mühen gelohnt hat.

Eine wichtige Station auf diesem Weg – vielleicht, wenn ich zurückblicke, sogar die wichtigste – war mein Aufenthalt in der Roseneck-Klinik in Prien am Chiemsee.

Mit Beginn meiner Gesundung, d.h. schon als ich meine ersten Schritte aus der Sucht unternommen hatte, hat sich mein Leben mehr und mehr verändert.

 

Später habe ich eine Weile ehrenamtlich beim Telefon-Notruf für Suchtgefährdete gearbeitet, dann 7 ½ Jahre als Leiterin der Essrunde, einer Selbsterfahrungsgruppe im Münchner Selbsthilfezentrum, die ich 1994 gegründet hatte.

Im Jahr 2003 habe ich die Hilfsorganisation Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. ins Leben gerufen. Schwerpunkt der Arbeit: Hunger bekämpfen, den Menschen zu Bildung und Gesundheit verhelfen in einem der ärmsten Länder der Welt: im westafrikanischen Burkina.

Außerdem habe ich neben „Mein Weg aus der Magersucht“ zwei weitere Bücher zum Thema Essstörungen geschrieben: „Superschlank – zwischen Traumfigur und Essstörungen“ und „Der Traum von der jungen Figur – Essstörungen in der Lebensmitte“, sowie ein Buch über ehrenamtliches Engagement: „Mitmischen statt Rumhängen – warum soziales Engagement Spaß macht und sich lohnt“.

„Das Leben ist viel zu schön, um es mit Hungern zu verbringen“.

Es ist ein unbeschreiblich großes Glück, in diesem Teil der Erde geboren worden zu sein, genug zu essen, genug zu trinken, und alle Möglichkeiten der Welt zu haben. Vor allem auch die Möglichkeit, sich von der Sucht zu befreien, wieder gesund zu werden.

Von diesem Glück und von dieser Dankbarkeit – dankbar vor allem dafür, wieder ganz gesund zu sein – möchte ich heute einen kleinen Teil ab-, beziehungsweise weitergeben. An Betroffene und an die Ärmsten der Armen.

Kathrin Seyfahrt

Februar 2017

 

 

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